I. Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Zur Erfassung der komplexen Symptomatik bei ADS / ADHS ist eine ausführliche Diagnostik der bei dieser Störung in Frage kommenden möglichen kognitiven und emotionalen Beeinträchtigungen sowie Störungen der Persönlichkeit erforderlich, die durch die Kassenabrechung nicht in jedem Fall möglich ist.
Das können zum einen Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit bzw. von Teilaspekten der Aufmerksamkeit und Konzentration und zum anderen Symptome von Hyperaktivität und Impulsivität sowie Anpassungsstörungen im Sozialverhalten, Desorganisation, Stimmungs-schwankungen und andere sein. Je nach Störungsschwerpunkt kommen unterschiedliche Tests zur Erfassung der Symptomatik in Frage.



1. Vordiagnostik

Spezifische ADHS-Fragebögen werden im Vorfeld in der Praxis vom Patienten bearbeitet.

Dauer: 30 bis 45 Minuten


2. Neuropsychologische Diagnostik

Mnestische Funktionen (Gedächtnis):

Arbeitsgedächtnis (reizgesteuerte Informationsverarbeitung); Kurzzeitgedächtnis und mittelbares Gedächtnis für verbales Material und ev. weitere Gedächtnisfunktionen
je nach Störungsbild


Aufmerksamkeit und Konzentration:

- Aufmerksamkeitsaktivierung, kurz- und längerfristig

kurzfristig:
phasische Alertness (Fähigkeit zur Steigerung des Aufmerksamkeitsniveaus in Erwartung eines Warnreizes)

längerfristig:
Daueraufmerksamkeit oder Vigilanz (Fähigkeit, über einen längeren Zeitabschnitt
(30 Minuten) die gerichtete Aufmerksamkeit einem Inhalt bzw. einer Reizquelle zuzuwenden

- Fokussierte Aufmerksamkeit

Konzentration im engeren Sinne, d.h., die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zielgerichtet und
gebündelt einer Reizquelle, z.B. einem Text, Gesprächspartner oder dem Straßenverkehr,
zuzuwenden. Eine verminderte Fähigkeit zur Aufmerksamkeitsfokussierung oder
Konzentration geht mit einer erhöhten Ablenkbarkeit
einher.

- Geteilte Aufmerksamkeit


Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zwei Reizquellen zeitgleich zuzuwenden, z.B. Autofahren
und zeitgleich eine Unterhaltung mit dem Beifahrer zu führen.

- Wechsel des Aufmerksamkeitsschwerpunktes

Fähigkeit, den Schwerpunkt der Aufmerksamkeit zielgerichtet und situationsangepasst von
einer Reizquelle abzuziehen und einer anderen zuzuwenden.

Je nach Störungsschwerpunkt kommen zur Überprüfung dieser Funktionen verschiedene Testinstrumente zum Einsatz.


Kurzscreening für intellektuelle und exekutive Funktionen:

Die letzteren umfassen z.B. Informationsverarbeitungsvorgänge, die das Verhalten steuern, d.h. sie umfassen Vorgänge, bei denen abgewogen wird, auf welchen Reiz reagiert und welche Handlung dabei ausgeübt werden soll. Voraussetzung ist die Fähigkeit zur Impulskontrolle, d.h. die Fähigkeit, Impulse zurückzustellen und einer gedanklichen Bearbeitung im Arbeitsgedächtnis zu unterziehen, bevor sie in Handlungen umgesetzt werden. Diese sind insbesondere bei ADS/ADHS sehr oft auffällig. Es kommen adaptiv eingesetzte verschiedene Verfahren zur Anwendung (siehe auch Punkt b
unter IV).

Dauer: ca. 150 Minuten bzw. länger



3. Interview

Erfassung von für die Diagnose relevanter anamnestischer persönlicher Daten, z.B. Schulzeugnisse, die für eine ADHS sprechen könnten; Angaben zu komorbiden Störungen
(das sind Störungen und Erkrankungen, die neben der ADS/ADHS vorhanden sind)
wie .z.B. psychische Begleitstörungen und Symptome, Depressionen, manisch-depressive Erkrankungen, Zwänge, Süchte, usw. und weitere diagnoserelevante Angaben.

Dauer: ca. 50 Minuten bis 70 Minuten


4. Befunderstellung

je nach Anforderung

Bei Interesse kontaktieren Sie uns bitte!



II. Intelligenztest

1. Allgemeine Intelligenzdiagnostik (verbal-sprachliche und handlungspraktische Fähigkeiten) ohne medizinische Indikation

Ablauf:
Durchgeführt werden 9-14 Untertests aus dem Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene (WIE) und der Gesamtwert (IQ) errechnet. Erstellt wird ein differenziertes Fähigkeitsprofil.

Verbalteil: Wortschatz-Test, Gemeinsamkeiten finden, Rechnerisches Denken, Zahlennach-sprechen, Allgemeines Wissen, Allgemeines Verständnis, Buchstaben-Zahlen-Folgen

Handlungsteil: Bilderergänzen Zahlen-Symbol-Test, Mosaiktest, Matritzen-Test, Bilderordnen, Symbolsuche, Figurenlegen

Dauer: ca. 120 Minuten

Bei Interesse kontaktieren Sie uns bitte!


Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter

Die Aufmerksamkeitsdefizit- (ADS) bzw. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde im deutschsprachigen Raum bis Ende der 1990er Jahre oft als eine Störung aufgefasst, die mit dem Erwachsenwerden "ausheilt". Studien haben inzwischen jedoch verdeutlicht, dass die ADS / ADHS häufig im Erwachsenenalter fortbesteht und ca. 4 Prozent aller Erwachsenen betrifft, die im Kindes- und Jugendalter beginnt und ca. doppelt so häufig anzutreffen ist.
Wer kennt nicht den Zappelphilipp oder die verträumte Suse, die alles vergisst.
Leitsymptome bei Erwachsenen sind Aufmerksamkeitsdefizite bei fehlender Stimulation, chronische innere Unruhe, Impulsivität sowohl verbal als auch handlungsbezogen, Desorganisiertheit und Affektregulationsstörungen (starke Stimmungsschwankungen und Niedergeschlagenheit bis Begeisterung und Euphorie). Zu diesen Auffälligkeiten kommen häufig Sucht, Depression und Probleme in der Alltags- und Lebensbewältigung durch gestörte Partnerbeziehungen und mangelnde Integration in den Berufsalltag hinzu. Dies äußert sich z.B. in abrupten und häufigen Arbeitsplatz- und Wohnortwechseln sowie Beziehungsabbrüchen.
Die Störung ist hauptsächlich genetisch bedingt. Die Behandlung sollte medikamentös und psychotherapeutisch erfolgen. Eine sehr effektive Behandlung ist auch im Erwachsenenalter noch möglich.

Nach dem Diagnosesystem DSM IV der American Psychiatric Association werden folgende diagnostische Kriterien formuliert:

- Zappeln mit Händen und Füßen, Sich-Winden beim Sitzen
- Aufstehen in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird
- Herumlaufen in unangemessenen Situationen
(im Erwachsenenalter häufig Gefühl der inneren Unruhe)
- Sich leise zu beschäftigen, fällt schwer; unnötiges Lautsein
- Häufig "auf Achse", wirkt wie "aufgezogen/getrieben"
- Exzessives Reden
- Herausplatzen mit der Antwort, bevor die Frage beendet wurde
- Ungeduld, Nicht-Warten-Können bis an der Reihe
- Häufiges Unterbrechen und Stören von anderen

- Unaufmerksamkeit gegenüber Details, häufige Flüchtigkeitsfehler
- Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit über eine längere Zeitspanne aufrecht zu erhalten
- Scheinbares Nicht-Zuhören
- Vorzeitiges Abbrechen von Aufgaben
- Schwierigkeiten beim Organisieren und Planen von Aufgaben und Aktivitäten
- Vermeiden von / Abneigung gegen Aufgaben, die eine länger andauernde geistige Anstrengung erfordern
- Häufiges Verlieren von benötigten Gegenständen
- Ausgeprägte Ablenkbarkeit durch äußere Reize
- Vergesslichkeit bei Alltagstätigkeiten


In unserer Praxis führen wir neben der Erfassung der o.g. Kriterien mittels Fragebogen und Interview auch eine neuropsychologische Testung durch, in der unterschiedliche Aspekte der Aufmerksamkeit und Konzentration sowie des Gedächtnisses und der sogenannten exekutiven Funktionen erfasst werden. Die letzteren sind sehr komplexe Steuerungs- und Leitungs-funktionen unseres zentralen Nervensystems, die weitestgehend die Handlungsplanung, -organisation, -durchführung und -kontrolle erfassen. Diese sind bei der ADS / ADHS sehr häufig betroffen.

Die AD(H)S stellt außerdem einen Risikofaktor für weitere psychische Störungen dar.
Diagnostisch erfasst werden daher auch Störungen, die oft mit der ADS / ADHS einhergehen, sogenannte komorbide Störungen.

ADHS als Risikofaktor für weitere (komorbide) psychische Störungen:

- Depression
- Sucht, substanzgebunden und nicht substanzgebunden
- Persönlichkeitsstörung, z.B. Borderline-Störung
- Angst
- Zwang
- Teilleistungsstörungen (Schreiben, Rechnen)
- Anpassungsstörungen (z.B. an Arbeitslosigkeit und/oder Beziehungsabbrüche)
- Essstörungen
- Schlafstörungen
- Bipolare Störungen und Traumatisierungen

Die sogenannten komorbiden Störungen betreffen fast 80 % aller Patienten mit ADHS. Im Vordergrund steht dabei die Depression.
Die genaue Ursache der ADHS ist nach wie vor ungeklärt. Eine eindeutig organische Grundlage für die Störung wurde bis heute nicht gefunden, so dass die Diagnostik sehr schwierig ist und die oben geschilderten Symptome abgefragt und entsprechend bewertet werden müssen.
Sicher ist man sich aber, dass eine wichtige Rolle bei der Genese der Erkrankung genetische Faktoren im Zusammenhang mit einem gestörten Neurotransmitterstoffwechsel spielen.
Das Risiko für Kinder, eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung zu entwickeln, steigt in psychosozial belasteten Familien je nach Ausmaß der psychosozialen Belastung stark an. Umwelt- und Erziehungseinflüsse haben eindeutig eine verstärkende vs. abschwächende Wirkung auf die Störung, je nachdem ob sie ungünstige oder günstige Entwicklungsbedingungen bieten.
Weitere Risikofaktoren sind z.B. eine chronische Nikotinexposition und andere
Lebensmittelzusatzstoffe.

Im Gehirn der Betroffenen konnten strukturelle als auch neurochemisch bedingte funktionelle Auffälligkeiten nachgewiesen werden, die aber im Einzelfall für eine Diagnostik nicht geeignet sind.

Therapie

Im Vordergrund der Behandlung steht neben der Psychoedukation eine medikamentöse Therapie, die ergänzt wird durch verhaltenstherapeutische Elemente, die der Verhaltens-steuerung, der Verhaltensorganisation, der Impulskontrolle und der Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistungen dienen soll.

wie z.B.
- Achtsamkeitstraining
- Gefühlsregulation
- Tagesstrukturierung und Handlungsplanung
- Impulskontrolle zur Vermeidung von Chaos und Übernahme von Verantwortung
- Depressionsmanagement
- Stressbewältigungstechniken (Fokussierungs- und Atemtechniken)
- Beziehungen / Selbstachtung
- Problembewältigungstechniken
- Stressmanagementtechniken
- Medikamente bei ADHS, Neurobiologie
u.a.

Bei komorbiden Störungen ist eine entsprechende Behandlung der jeweiligen Störung angezeigt.
Ein Training der Aufmerksamkeitsfunktionen bieten wir in unserer Praxis ebenfalls an.
Dabei werden einzelne Teilaspekte der Aufmerksamkeit, die vorher diagnostisch erfasst worden sind, gezielt trainiert, so dass es zu einer direkten Stimulation der dafür zuständigen neuronalen Netze im Gehirn kommt und dies zu einer Verbesserung dieser Leistungen führt.